Mit seinen Freunden abhängen, einfach stundenlang im Park sitzen. So sah die Welt von Constantin, 19 Jahre, lange Zeit aus. 2008 war er mit seiner Familie aus Rumänien nach Deutschland gekommen. Sein Start hier war schlecht; er sprach nur schlecht Deutsch, besuchte aufgrund seiner damals noch mangelhaften Sprachkenntnisse eine Förderschule. Danach? Erst einmal nichts. Keine weiterführende Schule, keine Ausbildung.

„Ich hatte keine Lust zu arbeiten, hatte keine Lust, eine Ausbildung zu machen. Es war viel schöner zu wissen, morgen kann ich ausschlafen, Freunde treffen, Spaß haben“, beschreibt es Constantin selbst.

Wie Constantin geht es vielen jungen Menschen in München, sie sind belastet mit vielen Problemen und schaffen es nur schwer, sich in die Gesellschaft zu integrieren. Ein strukturierter Alltag, eine Ausbildung, eigenes Geld verdienen – viele Türen sind ihnen verschlossen.

Die Junge Arbeit der Diakonie Hasenbergl unterstützt junge Menschen, denen der Übergang von der Schule zum Beruf noch nicht gelungen ist und die deutliche Schwierigkeiten haben, die sie an einer Arbeitsaufnahme bzw. Berufsausbildung hindern. Im betrieblichen Rahmen erhalten die jungen Erwachsenen zwischen 16 und 25 Jahren eine handwerkliche Ausbildung in den Gewerken Malerei, Schreinerei oder Siebdruck, die sozialpädagogisch betreut und begleitet wird. Zusätzlich werden im Projekt Afra begleitete Ausbildungen auf dem ersten Arbeitsmarkt angeboten. Das Konzept dahinter: die „Pädagogik der ausgestreckten Hand“.

Mithilfe von Sozialpädagogischer Unterstützung können die jungen Menschen bei Junge Arbeit eine Ausbildung in den Gewerken Siebdruck, Schreinerei oder Malerei absolvieren.

„Wir lassen nicht los!“

„Hinter dem Begriff der ‚ausgestreckten Hand‘ versteckt sich eine Pädagogik, die inspiriert ist von der ‚Neuen Autorität‘ nach Haim Omer und die zunächst einmal akzeptierend ist: Wir akzeptieren die Problemlagen der jungen Menschen und stellen keine Bedingungen an die Aufnahme in unsere Einrichtungen. Dazu versuchen wir, sie weitgehend zu beteiligen, die Partizipation auszubauen“, erklärt Jeanette Boetius.  Sie verantwortet die Sozialpädagogische Leitung Jugendhilfe in der Diakonie Hasenbergl. „Wenn sie zwischendurch nicht mehr zur Arbeit kommen, krisenhaft sind, dann brechen wir nicht den Kontakt ab. Wir lassen nicht los, unsere ausgestreckte Hand bleibt da“.

Constantin hat Kontakt mit dem Amt, bekommt finanzielle Unterstützung. Um seiner Mutter bei den Haushaltskosten unter die Arme zu greifen, dafür reicht es nicht. Ein Praktikum in der Malerei bei Junge Arbeit weckt in ihm Hoffnung und den Willen, es doch noch einmal zu probieren. „Der erste Tag war komisch. Für mich war es ja normal, ins Bett zu gehen, wenn die anderen Menschen zur Arbeit gehen, ich bin um 14 Uhr erst aufgestanden. Das Gefühl am Abend, nach der Arbeit, etwas geschafft zu haben, war toll“.

„Die handwerkliche Arbeit spielt in unserem Angebot eine ganz besondere Rolle“, erläutert Frank Lasshof, Betriebsleiter von Junge Arbeit. „Die Arbeit an realen Kundenaufträgen oder die Tätigkeit in einem Ausbildungsberuf, beispielsweise in einer Arztpraxis,  gibt den jungen Menschen Halt. Sie spüren, dass ihr Einsatz wichtig ist, für den ganzen Betrieb, für die Kolleg*innen“.  35 Ausbildungsplätze gibt es in Jung Arbeit. Dass die Ausbildung auch einmal länger dauert als die üblichen drei Jahre, ist kein Problem. „Zu uns kommen Menschen mit vielen verschiedenen Schwierigkeiten, insbesondere mit psychischen Problemlagen. Wenn sie zwischendurch in eine Krise kommen, können sie natürlich nicht zur Arbeit kommen. Hier greift dann unser Konzept: Wir lassen es zu, dass die Ausbildung krisenhaft ist und ermöglichen unseren Auszubildenden eine weitere Anbindung bei uns und damit das Fortführen der Ausbildung, was viele andere Betriebe nicht können“, betont Selina Weber, Sozialpädagogin bei Junge Arbeit.

Arbeit im Betrieb, Begleitung und auch Berufsschule sind eng mit einander verzahnt. „Berufsschule ist dabei ein aufwändiges Thema, vor allem dann wenn der Schulbesuch schon früh abgebrochen wurde, bzw. problematisch war Wir begleiten die Auszubildenden mit Nachhilfeunterricht, mit einem Lerncoach, aber auch mit Fachlehrer*innen und natürlich mit Anleiter*innen. Wir unterstützen sie, dass sie den Anforderungen folgen können.“

Respektvoller Umgang auf Augenhöhe

Die wertschätzende Grundhaltung gegenüber den jungen Menschen führt zu einer konstruktiven und vertrauensvollen Beziehung zwischen den Pädagogen*innen, Anleitern*innen und den jungen Menschen. Problematisches Verhalten wird nicht mit Vergeltungsmaßnahmen und Strafen gelöst, sondern mit  Gesprächen, Geduld und Beharrlichkeit begegnet. Die Verantwortlichen widerstehen der Gefahr, sich in Machtkämpfe hineinziehen zu lassen und handeln so eskalationsvorbeugend. So können Veränderungsprozesse und Lösungsschritte in Gang gesetzt werden

 „Wir gehen mit allen Jugendlichen und jungen Erwachsenen respektvoll und auf Augenhöhe um – so vermindern sich viele Probleme“, erklärt Frank Lasshof. „Wir sind nicht zur Erziehung da, sondern wir haben einen Begleitungs- und Vermittlungsauftrag“, ergänzt Jeanette Boetius. „Der Experte für sein Leben ist der junge Mensch. Ein ‚der müsste doch mal endlich‘ funktioniert nicht, das ist manchmal schwer auszuhalten. Niemand kann zur Entwicklung gezwungen werden. Das müssen wir aber aushalten und akzeptieren, das steckt hinter der ausgestreckten Hand“.

Natürlich gibt es klare Strukturen und Regeln, nach denen Ausbildung und Alltag gestaltet sind und die den Rahmen für den Umgang miteinander stecken. „Wir gehen davon aus, dass es gute Gründe für das Verhalten unserer Auszubildenden gibt. Gemeinsam überlegen wir dann, was der nächste Schritt sein könnte. Manchmal hilft ein späterer Arbeitsbeginn schon weiter“.

Das Zusammenspiel von handwerklicher Ausbildung und sozialpädagogischer Begleitung ist sehr erfolgreich. Vertreter von Jugendhilfeorganisationen, Ämtern und anderen Einrichtungen lassen sich das Erfolgskonzept gerne erklären. Das Knowhow der Mitarbeitenden von Junge Arbeit ist gefragt – aus gutem Grund: „80 Prozent unserer Jugendlichen und jungen Erwachsenen schaffen die Ausbildung. Das ist viel im Vergleich mit anderen Betrieben auf dem Bildungsmarkt“, freut sich Jeanette Boetius. 

Eine Ausbildung bei Junge Arbeit – für viele junge Menschen ein letzter Zugangsweg zum ersten Arbeitsmarkt. Die Zuleitung erfolgt über das IBZ Jugend oder das Jobcenter München.

Constantin hat im September 2020 seine Ausbildung in der Malerei begonnen, trotz Corona. Er schätzt das Miteinander von Auszubildenden und Anleiter*innen und ist motiviert, weiterzumachen. Sie möchten Constantin kennenlernen? Verfolgen Sie seine Geschichte im Video: www.diakonie-hasenbergl.de/malerei

Die sozialpädagogische Begleitung der Auszubildenden spielt eine wichtige Rolle im Konzept von Junge Arbeit.

Junge Arbeit der Diakonie Hasenbergl wird gefördert von: