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19. August 2016 | Mahmoud – ein Flüchtling, der nie aufgegeben hat

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Mahmoud

Wenn man Mahmoud so sah, hochgewachsen mit seinen gut 1,80 m, ein athletischer Typ mit geschmeidigen Bewegungen, aufmerksamer und freundlicher Blick aus braunen Augen - der junge Syrer aus Damaskus hätte locker auch ein Model für Szenekleidung sein können. Jeans und Kapuzenpulli waren obligatorisch für ihn. Und sah man ihn schließlich mit den Inlineskates laufen - man hielt es nicht für möglich, dass er aus dem Krieg gekommen war.

 

Die Heimat
Ein älterer Bruder war bereits gefallen, ein anderer lag im Lazarett, der beste Freund wurde erschossen. Sein Vater hatte ihn schließlich mit den Worten „Geh Du nach Deutschland - wir überleben das alles hier sowieso nicht“ nach Deutschland geschickt. Die Eltern haben jetzt Schulden bei den Nachbarn. Mahmouds Mutter hinterlegte ihren Goldschmuck als Pfand. Und mit Hilfe dieses Geldes war er also hier angekommen und sah einen mit teils staunendem, teils unsicher fragendem Blick an. Anfänglich halfen die Dolmetscher, aber es nutzte nichts, er musste ins kalte Wasser der deutschen Sprache springen.

Die Schule

Es dauerte ziemlich lange, bis er einen Schulplatz bekam. Mahmoud war Analphabet. Er konnte weder lesen noch schreiben, nur ein wenig rechnen. Sein Vater hatte ihn nach der 3. Klasse von der Schule genommen, weil er nicht mitkam. Doch das lag nicht an kognitiven Problemen, sondern es war ein anderer Grund. Die Lehrer waren sehr streng und Mahmoud hatte Angst. Genau das passierte auch jetzt wieder. Am ersten Tag kam er von der Schule zurück und sagte, dass er nicht mehr hingehe. Das alles kam nun wieder hoch - seine Angst vor der Schule. Aber er hatte so viel Vertrauen in die Betreuer, dass er immerhin ein paar Unterrichtseinheiten von ihnen annahm. Und dann, mit viel Unterstützung, gutem Zureden und der Erkenntnis, dass es den anderen auch so geht, war er schließlich nach zwei Wochen doch noch zum Schulbesuch zu überreden. Die Mühe und Ausdauer lohnten sich. Nach dem Abendessen sah man ihn über seinen Heften sitzen; sogar im Bett lernte er noch.

Endlich lesen

Eines Tages kam er stolz an, hielt jedem einzelne Blätter unter die Nase und las auf Deutsch vor: Mann, Frau, Kind, Schwester, Stuhl, Bett, Eimer. Oder er stand im Büro, las, was auf der Milchtüte stand, las die Namen der Betreuer an der Wand, las schließlich alles, was ihm unter die Augen kam. Dieser junge, große Mahmoud konnte plötzlich lesen und schreiben. Auf Deutsch. Und war so glücklich, so überglücklich - wie nur jemand sein kann, dem sich nicht nur ein neues Leben in Deutschland erschließt, sondern plötzlich eine völlig neue Welt des Verstehens.

Die Zukunft in Deutschland

Auf die Frage, was er denn gerne werden möchte in Deutschland, sagte er „Arbeiten im

Krankenhaus. Aber zuerst Schule.“ Es hat ihm im Krankenhaus gefallen. Kurze Zeit nach dem

Eintreffen in Deutschland hatte er Schmerzen in der linken Hand, an der an mehreren Fingern die Endglieder fehlen. Ein Unfall vor fünf Jahren an einer Schneidemaschine auf der Baustelle, wo er als Fliesenleger gearbeitet hatte. Es waren jedoch keine Phantomschmerzen, sondern sie rührten von Prügeln der griechischen Polizei, die mit den Flüchtlingen nicht zimperlich umgegangen war, erklärte Mahmoud.

Vielleicht begegne ich Mahmoud ja eines Tages im Krankenhaus oder im Altenheim. Wenn ich krank bin oder alt. Wenn ich froh bin um einen Pfleger, der so freudig lächeln kann und der mich mit seinem kräftigen Handschlag begrüßt und fragt: „Wie geht’s? Alles gut?

Tatiana Pongratz

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